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Belinda Grace Gardner, Hamburg
Rede zur Ausstellungseröffnung „Brigitta Höppner. SPEED“
am Samstag, den 29.März 2014 im Künstlerhaus Bergedorf

Beim Blick aus dem fahrenden Auto oder dahineilenden Zug verwischen die Konturen, Farben und Formen. Landschaften und Architekturen, Felder, Bäume, urbane Räume und Großstadtfassaden: die am Auge vorbei fliegenden Erscheinungen verflüssigen sich, verlieren an Substanz, verfließen wie in einem Film, der immer weiterläuft, ohne Anfang und ohne Ende. Eine Welt auf der Durchreise, die in den Worten des berühmten französischen Geschwindigkeitstheoretikers Paul Virilio „unaufhörlich ankommt und auf die wir unaufhörlich warten“.

Brigitta Höppner, die jetzt hier im Künstlerhaus Bergedorf neuere Arbeiten ihres von Leuchtkraft und Dynamik erfüllten Werks präsentiert – einige sind ganz frisch in diesem Jahr entstanden –, erfasst in ihrer Malerei genau diese Schwebezustände, in denen die Dinge in Bewegung geraten, ihre bisherige Gestalt aufgeben, sich vom Gegenstand zum Eindruck wandeln. Und von klar umrissener Gewissheit zu schwer greifbarer Abstraktion mutieren. Es ist eine Malerei, die selbst, wenn man so will, auf der Durchreise ist: eine Malerei der flüchtigen Momente, die auf der Leinwand Gestalt und Halt bekommen. Eine Malerei der Bewegung und der Beschleunigung, die unserer rasanten, motorisierten – nach Virilio – von einer allmählichen Auflösung des Sehens, der Materie und der Körper geprägten Zeit sehr gemäß ist.

Zitat: „Die Geschwindigkeit macht das Sehen zum Rohstoff“, so der französische Theoretiker, „mit zunehmender Beschleunigung wird das Reisen zum Filmen...“.

Die Reisen, die Brigitta Höppner in ihrer Malerei unternimmt und auf die sie uns, die Betrachter und Betrachterinnen ihrer Werke, mitnimmt, sind Expeditionen für die Augen. Wie der Titel ihrer aktuellen Ausstellung im Künstlerhaus Bergedorf – „SPEED“ – impliziert, ist sie eine Malerin der Geschwindigkeit, die selbige wie in einem Film-Still, einem filmischen Standbild, anhält und dabei zugleich freisetzt und in energiegeladene Bewegung und Schwingung bringt.

Ihr „Rohstoff“ ist die eigene Umwelt, die gebauten städtischen Areale von Hamburg bis Boston und New York und die ländlichen Weiten Schleswig-Holsteins – mehr noch, das visuelle Erleben dieser Ansichten im Fluss: beim schnellen Durchqueren, im Augen-Blick der Auflösung der optischen „Aggregatzustände“, wenn feste in flüssige Beschaffenheit umschlägt. Die vielseitige Farbpalette der Künstlerin erstreckt sich von kraftvoll leuchtenden Tönen bis hin zu hauchartigen, pastellfarbenen Verwischungen. Zunehmend kommen auch zurückgenommene Grautöne zur Verwendung, parallel zur generellen Reduktion ihrer Bildsprache.

„Painting-Stills“: So heißt die jüngste Bildserie der Künstlerin, die seit 2010/2011 entsteht. Der Begriff „Painting Still“ bedeutet für Brigitta Höppner, wie sie es selbst beschrieben hat, das „Angehaltene Bewegte“. Die früheste Komposition, die sie hier in Bergedorf aus dieser Serie zeigt, stammt von 2011.
Der ursprüngliche Ausgangspunkt der „Painting-Stills“  waren Landschaften und städtische Szenen, festgehalten in zarten oder auch kraftvoll-strahlenden Farben im Begriff des Verschwimmens und Verschwindens, oszillierend zwischen An- und Abwesenheit.

In den aktuellen, temporeichen Bildern der Serie  sind die Motive nunmehr fast vollständig aufgelöst. Und einer nur noch
implizit figürlichen Abstraktion gewichen. Mit ihren flächig oder strahlenförmig verlaufenden Streifen und diffusen Schlieren fangen sie unser beschleunigtes Dasein ein, ohne es indes stillzulegen. Vektorenartige Linien bündeln Bewegung, reißen ab: Fragmente einer Wirklichkeit im Fluss, wie aus dem Augenwinkel erblickt, kurz vor dem Verschwinden. Reflexe des Daseins, wie Gestalt gewordene, horizontale Ausrufezeichen, Bruchstücke von Schnelligkeit: SPEED.

In einer neu für Bergedorf geschaffenen Wandarbeit – die erste ihrer Art – hat die Künstlerin ihre Malerei gewissermaßen zerlegt und auf ihre zeichenhaften Anteile reduziert. Statt Farbe setzt sie hier nun Klebestreifen ein, die temporär im Raum Gestalt annehmen und buchstäblich dort, an der Wand, zum Sprung ansetzen und in der Schwebe bleiben.

Die Auflösung und entsprechend auch „Öffnung“ der Gegenständlichkeit bei den „Painting-Stills“ sind bereits in den früheren Kompositionen der Künstlerin von Anfang unseres neuen Jahrtausends angelegt, die in der jetzigen Ausstellung nicht gezeigt werden. Diese früheren Arbeiten sind von urbanen Gitterstrukturen bestimmt und noch ganz konkret architektonisch verankert.
Zwar hat Brigitta Höppner auch dort Elemente der Irritation, der Auflösung und der Realitätsverschiebung eingebaut. Allerdings dominierte nicht das verwischende Moment der Geschwindigkeit. Sondern die Aufhebung von Gewissheiten wurde durch Mehrfachspiegelungen erzeugt, wie sie die gläsernen Fassaden unserer Großstädte hervorbringen.

Der Fokus auf den Wechsel von Lichtreflexen und Spiegelungen auf dem eigentlich statischen Grund gläserner Fassaden führte Brigitta Höppner über mehrere Etappen zur Beschäftigung mit spiegelnden Flächen, die selbst in Bewegung sind. Im Rahmen ihrer Serie „Cromologie“ (entstanden um 2007) – ein Wortspiel, in dem der zeitliche Faktor der „Chronologie“ auf das metallisch glänzende Material „Chrom“ trifft – studierte sie fahrende Autos im Stadtverkehr. Sie hielt die aufblitzenden Spiegelungen des Lichts und der Umgebung auf Lack- und Chromflächen der Karosserien, die schnellen Umdrehungen der Reifen malerisch fest.

Aus der Beschäftigung mit flüchtigen Lichtreflexen auf in Bewegung befindlichem Grund ist die Konzentration auf „Geschwindigkeit“ erwachsen, das als zentrales Thema Brigitta Höppners Werk durchzieht. Die Bilder der Künstlerin waren bereits in London und Amsterdam, Schweden und den USA zu sehen und sind auch in diversen Sammlungen vertreten. Einen großen Querschnitt ihres Schaffens zeigte 2012 die Stiftung Landdrostei in Pinneberg anlässlich der Verleihung des Kulturpreises des Landkreises Pinneberg an die Künstlerin. Zuletzt war sie mit Ausstellungen in Wilhelmshaven und Hamburg präsent.

Brigitta Höppner absolvierte ihr Kunststudium bei dem Berliner Kritischen Realisten Ulrich Baehr in Hannover. Und belegte zudem ein Gastseminar des international renommierten belgischen Malers der Erinnerungshinterfragung und fragmentarischen Realitätsbrechung Luc Tuymans. Von Anfang an hat auch ihre Malerei die Realität nie eins zu eins abgebildet. Ihr Augenmerk galt schon immer den ephemeren Phänomenen, die unsere Wirklichkeit mitbestimmen, aber normalerweise nicht greifbar sind: den Lichtreflexen auf den Oberflächen unserer Städte und auf den Vehikeln, die diese durchqueren, die Auflösung der Wahrnehmung beim Durchreisen von Stadt- und Naturlandschaften, überhaupt die fließende, flüchtige Situation des In-Bewegung-Seins.

Im größeren Zusammenhang unserer menschlichen Existenz auf dieser sich unaufhörlich drehenden Erde bestimmt eben dieses „In-Bewegung-Sein“ im stetig fortschreitenden Zeitstrom unser tägliches Leben.
In dieser Hinsicht thematisiert die Künstlerin die Anfälligkeit dessen, was wir „Wirklichkeit“ nennen, ebenso wie die Instabilität dessen, was wir als „Wahrnehmung“ bezeichnen. Alles ist im Fluss, nichts bleibt wie es ist. Wir können immer nur Ausschnitte erkennen, nie das ganze Bild.

Der „rasende Stillstand“, den Paul Virilio als charakteristisch für unsere Ära der Hochgeschwindigkeit diagnostiziert hat, birgt in Brigitta Höppners Umsetzungen indes nichts Bedrohliches oder gar in sich Kreisendes. Vielmehr haben wir es mit einer mitreißenden temporalen und temporeichen Verdichtung zu tun, die wie in einem Zeitraffer eine eigene beschleunigte Wirklichkeit kreiert.

Die Künstlerin bringt, so hat sie es selbst formuliert, die Erinnerung – wie auch der Titel einer weiteren Serie neuerer Arbeiten aus den vergangenen Jahren lautet – an Geschwindigkeit zum Ausdruck, die im Moment der Manifestation eigentlich längst Vergangenheit ist. In den zwischen Abstraktion und Figuration changierenden, Grenzen transzendierenden Bildräumen ihrer Malerei bleibt dieser Augenblick in seiner ganzen Dynamik als permanenter Aufbruch in die Weite gegenwärtig.

Der berühmte französische Post-Impressionist Paul Cézanne bemerkte Anfang des 20. Jahrhunderts angesichts des Gegenwart und Vergangenheit auslöschenden Fortschritts: „Man muss sich beeilen, wenn man noch etwas sehen will. Alles verschwindet.“

Mit ihrer Malerei setzt Brigitta Höppner dem Verschwinden die Präsenz von Farbe und Form entgegen und beschwört zugleich ebenjene Energien, die ständig im Fluss sind und verleiht ihnen Dauer. Aus dem Paradox zwischen Verfestigung und Verflüssigung, Manifestation und Auflösung von Wirklichkeit entsteht die Spannung in ihrem Werk. Das Drama unserer zwischen zeitlicher und motorisch angetriebener Rasanz gespannten heutigen Existenz bleibt auch in ihren aktuellen radikalen Abstraktionen spürbar, in der sich die Geschwindigkeit unseres Seins in ihrer ganzen Wucht sammelt und – für einen Moment – im Bild, den Bildern der Künstlerin zur Ruhe kommt.

©Belinda Grace Gardner, Hamburg